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Grapatin

22. Januar 2009

Wer in den letzten 40 Jahren in Berlin Lichterfelde-Ost wohnte, kannte Georg Grapatin. Vielleicht nicht seinen Namen, aber seine einzigartigen Currywürste. Königsberger Straße, Nähe Jungfernstieg, direkt an der Bushaltestelle.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten olfaktorischen Kontakt mit dieser Delikatesse. Es muss etwa 1971 gewesen sein, nachmittags im Biologieraum traf sich die Foto-AG und irgendwann bekundete einer der „Großen“, er habe Hunger, und jemand solle Currywürste holen. Durch die Gnade von wem auch immer (welcher Heilige ist eigentlich für Junkfood zuständig?) hatte ich etwas Geld dabei (damals kostete eine Currywurst AFAIR 80 oder 90 Pfennige) und ließ mir eine mitbringen (den Gedanken, in der Schule Currywurst zu essen, fand ich ketzerisch und unglaublich aufregend).

Ds Buch "Die Entdeckung der Currywurst" von Uwe Timm

Und an diesem Nachmittag, als mein Magen in den Kniekehlen hing und ich wahrscheinlich völlig unterzuckert war, öffnete sich plötzlich die Tür des Biologieraumes und Raum und Zeit dehnten sich aus, während ein nie gekannter Duft sich ausbreitete und alles erfüllte und eine geradezu atemberaubende Intensität annahm als das Einwickelpapier entfernt wurde und sie schließlich vor mir lag in ihrem Pappteller: Die Currywurst an sich. Wenn Castaneda von „Die Welt anhalten“ sprach, muss er einen unendlich gedehnten Augenblick wie diesen im Sinn gehabt haben. Platon hätte sein Werk umgeschrieben, wäre er damals bei uns gewesen, denn es war doch möglich: Man konnte in diesem magischen Moment aus der Höhle hinaustreten ins Licht und die ideale Currywurst (ohne Darm) essen, statt sich mit ihrem Schatten zu begnügen.

Fortan war ich süchtig: Jeden Samstag ließ ich mir vor der Schule das Taschengeld auszahlen, um dann nach der Schule sofort zur Currybude zu flitzen und mir mindestens eine (meistens aber zwei, mit Kartoffelsalat und einer kleinen Faßbrause dazu, auch wenn das Taschengeld dann fast alle war)  der appetitlich gebräunten Würste auftischen zu lassen und sie genüßlich in den süßen, ölig aussehenden Ketchup zu tauchen (erst viele Jahre später entdeckte ich im Supermarkt den sehr ähnlichen Hela-Currygewürzketchup).
Anschließend wurde das restliche Taschengeld auf dem Kranoldmarkt in gebrauchten Science-Fiction-Romanen angelegt, aber das ist eine andere Geschichte und sie soll ein anderes Mal erzählt werden.

Wann immer ich in den letzten Jahrzehnten ins Umfeld von Lichterfelde-Ost kam, habe ich mir dieses Geschmackserlebnis gegönnt. Bei Diskussionen über „Amtsgericht“ und „Curry 36“ konnte ich nur müde lächeln: Ich wusste ja, wo es die beste Currywurst gibt. Grapatin hatte nie das Zeug zum Szene-Treff: Die Bude schloss jeden Abend um 19:00 Uhr und machte Sonntags gar nicht erst auf. Den Nicht-Lichterfeldern blieb dieses Kleinod deshalb verborgen.

Vor zwei oder drei Jahren nun verschwand der Imbiss des Herrn Grapatin (logo: sonst wäre er ja nicht in diesem Blog aufgetaucht). An der gleichen Stelle gibt es eine andere Currywurstbude mit anderen Würsten, anderem Ketchup und keiner Erinnerung an den kulinarischen Vulkan, der hier im Verborgenen blühte.

Georg Grapatin, der stets freundliche Ruhe und Seriosität ausstrahlte und in seinem weißen Kittel mehr wie ein Apotheker als wie ein Imbissverkäufer wirkte, starb am 18.02.2008.

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