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Berliner Weisse

21. Januar 2009

Als ich klein war, gab es „Groterjan-Weiße“. Aber damals waren meine Geschmacksknospen noch nicht entwickelt und wenn meine Eltern gewusst hätten, wieviel Alkohol da drin ist, hätte ich sowieso nie welche bekommen.

In der Blüte meines Lebens konnte man Weiße von „Berliner Kindl“ und von „Schultheiß“ kaufen – erstere glatt und gefällig, letztere hefig und herb.

Mein Herz Gaumen schlug für die Schultheiß-Weiße: Welche Erfrischung an einem heißen Sommertag, wenn gut gekühlt mit wohldosiertem Waldmeistersirup genossen, am Besten aus einem altmodischen original Berliner-Weiße-Glas mit Trinkhalm.

Dann aber kaufte Radeberger (welches zu Dr. Oetker gehört) sich zur (bereits seit 1988 Dr. Oetker gehörenden) Kindl- im Jahre 2004 auch noch die Schultheiß-Brauerei.
Da ergaben sich natürlich Synergie-Effekte: Warum zwei Sorten Berliner Weiße anbieten, eine langweilige für Touristen und eine leckere für die Berliner?
Richtig: Da kann man doch die Produktion der leckeren einstellen.

Und wo sind die Berliner? Die Taxifahrer, die Bauarbeiter, die Hauswartsfrauen? Die Wilmersdorfer Witwen? Sind sie auf den Barrikaden, wo sie hingehörten (wenigstens im Sommer bei über 30°)? Verbrennen sie Dr.-Oetker-Puppen? Lassen sie sich mit einem Sprengstoffgürtel bei Getränkehoffmann im Kühlschrank anketten?

Seit über hundert Jahren gehörte Berliner Weiße zu Berlin wie Pfannkuchen, Schmalzstullen und saure Jurken. Warum lassen dreieinhalb Millionen Berliner sich ihre Identität einfach wegnehmen von Leuten, die weit weg in Bielefeld sitzen und von Berliner Trinkkultur im Hochsommer keine Ahnung haben?

Richtige Berliner Weiße wurde übrigens nicht schlecht, sondern mit der Zeit immer besser. Ich kenne jemanden, der hatte noch drei Flaschen Schultheiß-Weiße in der Garage – eine davon habe ich letzten Sommer getrunken. Zwei sind noch da. Aber ich sage nicht, wer und wo. Ich freue mich nur auf diesen Sommer. Und auf den nächsten.

Doch danach? Was soll werden?

[Für Notfälle: Eiskaltes ‚Schöfferhofer Weizen mit Grapefruit‘ erfüllt bei hochsommerlichen Temperaturen auch seinen Zweck. Am besten kühlt man es im Gefrierschrank und nimmt es rechtzeitig wieder raus. Aber die Weiße bringt es uns nicht zurück]

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