Telefonzellen


Und Telefonzellen.
Früher musste man nur zur nächsten großen Kreuzung laufen und dann notfalls noch in alle vier Richtungen schauen: Spätestens jetzt sah man in Laufweite eine leuchtende gelbe Telefonzelle.
Darin befanden sich ein Telefonbuch und ein Branchenbuch, man konnte die Tür hinter sich zumachen und für 20 Pfennige jemanden anrufen.
(Später geborene mögen sich vorstellen, es gäbe alle paar hundert Meter ein kleines, billiges Internetcafé ohne Getränkeservice.)

Dann begann man, sie zu tarnen. Ich selbst habe mal am U-Bahnhof Rudow immer hektischer werdend nach einer Telefonzelle gesucht, dann begonnen, Passanten zu fragen, die mir aber auch nicht weiterhelfen konnten, bis schließlich jemandem auffiel, daß ich direkt vor 3 magentagrauen Zellen stand.
Das war eine tolle Marketing-Idee, diese Farbe. Graue Telefonzellen in einer grauen Stadt. Komischerweise benutzten die Leute die Zellen dann immer weniger, aber noch nicht wenig genug und so entfernte man die Telefonbücher. Immer noch kamen Telefonierwillige in die Zellen, steckten Geld in den Schlitz und…genau – da war eine Möglichkeit für eine weitere Schikane: Die Einführung von Telefonkarten. Telefonkarten, die man garantiert nicht hat, wenn man telefonieren muss, die sehr viel mehr Geld kosten als ein Telefongespräch, die man im Automaten vergessen kann nach dem Anruf oder die einem, nachem man sich monatelang sicher fühlte, weil man sie für den Fall der Fälle ja für teures Geld gekauft hat und immer bei sich trägt, im entscheidenden Augenblick einfach mit „Karte nicht erkannt“ einen Strich durch die Rechnung machen.
Endlich ließ man die Türen weg und seit einigen Jahren sieht man manchmal Telefone am Stiel neben der Straße stehen, ganz ohne Zelle. Niemand benutzt sie – wie auch?

Advertisements

Schlagwörter: , , , ,

6 Antworten to “Telefonzellen”

  1. http://blackbirds.tv – Berlin fletscht seine Szene » 130/10: Zeitzeugen: Früher war alles anders…wann ging die gute, alte Zeit kaputt? (Strassenmusik) Says:

    […] Telefonzellen (sterben aus) […]

  2. kormoranflug Says:

    Früher hatte ich angeboten Telefonzellen zu unterkellern. Dann kamen die Stehlen und das wurde schwierig die Kellergrösse festzulegen.
    Das ist nun auch vorbei….

  3. r|ob Says:

    … und immer rochen die Zellen nach altem Rauch. Nicht zu vergessen die Leute, die nach einer Minute an die Scheibe klopften und riefen, wie lange es denn noch dauern würde…

  4. Jan Zerbe Says:

    Eine Annahme, die sich durch logische Folgerung aus der scheinbar unsinnigen Änderung der Farbgebung von Telefonzellen vom leuchtenden Signalgelb hin zum Grau ergibt:

    Als sich die Telekom, nachdem sie kein Staatsbetrieb mehr war, ausrechnete, dass sie mit dem Betrieb von Telefonzellen keine nennenswerten Profite mehr erwirtschaften kann, wollte sie diese zunächst abschaffen. Man war jedoch vorsichtig genug, sich genau zu überlegen, wie dies gelänge, ohne Unmut unter der Bevölkerung hervorzurufen. Es wurde beschlossen, einen sukzessiven Abbruch der bestehenden Anlagen über einen längeren Zeitraum vorzunehmen und diesen gleichzeitig zu verschleiern.

    Wenn ein allseits deutlich sichtbares Straßenmöbel wie die liebgewonnene gelbe Telefonzelle (die Nachts beleuchtet war und damit Sicherheit vermittelte)von heute auf morgen verschwände, würde dies Proteste einer breiten Masse zur Folge haben.

    Aufbauend auf Forschungen, mittels derer die Militärs Tarnanstriche entwickeln, kam man zu dem Ergebnis, dass eine möglichst unauffällige einheitliche Gestaltung von Telefonzellen im Stadtbild hauptsächlich unter Verwendung von grauen Schattierungen zu erfolgen habe, da die in deutschen Städten überwiegend verwendeten Baumaterialien, wie Beton, Asphalt und die Verwitterungsprozessen und Verschmutzungen ausgesetzten Fassaden, die ebenfalls grauen Straßenlaternen, Trafo- und Schaltkästen ebenfalls im Ergebnis ein graues Stadtbild ergeben. Ein Fleck- oder Splittertarnanstrich mußte verworfen werden, da dadurch die Absicht des Versteckens der Telefonzellen offensichtlich geworden wäre.

    So wurde es gemacht und die Aktion gelang.

    Von „http://www.stupidedia.org/stupi/Graue_Telefonzellen“
    Systemkategorie: Stupidedia:Löschkandidaten

  5. kekse8923 Says:

    Schade, das es keine Telefonzellen mehr gibt. Bei uns im Ort (13000 Ewo) waren mal 20 Stück, jetzt kann ich noch genau eine Zählen. Wie schon erwähnt – Kartentelefon ‚Karte nicht lesbar‘ etc.
    Es war ein grundlegender Fehler, staatliche Unternehmen wie Bundesbahn und Bundespost zu privatisieren. (Ich muss ja schon 3 km zum nächsten Briefkasten gehen)
    Zu meiner persönlichen Befriedigung stell ich mir eine in den Garten, dann wird sie mir immer erhalten bleiben – die gute, alte, gelbe Telefonzelle mit Telefonbuch, die immer geht wenn man sie braucht und nicht Opfer von Vandalismus ist.

  6. Chris Kurbjuhn Says:

    http://www.chris-kurbjuhn.de/?p=1140

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: