Wann ging die gute alte Zeit kaputt?


Ich übernehme hier mal eine meiner Antworten aus gutefrage.net, weil’s einfach passt. Die Frage lautete:
Alle ab 40: Habt ihr rückblickend auch die 70er Jahre als Zeit größten Wohlstands in Erinnerung?
Hier meine Antwort:

Natürlich! Seit 1945/46 war es bis zur Ölkrise immer aufwärts gegangen mit dem Wohlstand und man hatte das Gefühl, diese Aufwärtsbewegung sei ein Naturgesetz. Der uns damals so verhasste Satz „Wer Arbeit sucht, der findet auch welche!“ stimmte tatsächlich noch und die soziale Schere war weit weniger auseinandergeklafft.
1982 begann mit der „geistig-moralischen Wende“ die Umverteilung von unten nach oben, der Ausverkauf des staatlichen Tafelsilbers („Privatisierung“) und die schleichende Übergabe der Macht von demokratisch gewählten Regierungen an vaterlandslose multinationale Konzerne („Globalisierung“). Einige Jahre später sprach man von der „Neuen Armut“.
Ende der siebziger gab ich jedem Straßenmusikanten, der „Sailing, I am sailing!“ gröhlen konnte, eine Mark. Man traf nur selten welche; ich fand die Idee schön, auf der Straße Musikanten zu hören und konnte die Mark (für die man bei Tchibo z. B. 2 Tassen Kaffee bekam) erübrigen.
Heute sitzen in jedem zweiten U-Bahnhof Profimusiker, vor deren Kunstfertigkeit ich allerhöchsten Respekt habe, aber sie gehen mir auf die Nerven, weil es so viele sind und ich brauche die 50 Cent (ein Papp-Becher Kaffee kostet in der Deutschen Bahn 2,60EUR, also 5 Mark zwanzig) selber.
Früher lachte man in der Dreigroschenoper über Peachum, der die Bettler ausbildete („Mein Vater war ein Trinker, meine Mutter war eine Säuferin…“), heute kann man nicht mehr S-Bahn fahren, ohne von den Absolventen solcher Schulung eine Obdachlosenzeitung angeboten zu bekommen.
Genau genommen war die gute Zeit vorbei, als Peter Gabriel sich von Genesis getrennt hat.

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5 Antworten to “Wann ging die gute alte Zeit kaputt?”

  1. Chris K. Says:

    Neinneinnein, es begann mit der Trennung der Beatles. seit Yoko diesen Keil zwischen John und Paul getrieben hatte, ging alles den Bach runter.

  2. Spandauer Says:

    Tja, dass in den 70er Jahren die Staatsverschuldung auch in ungeahnte Höhen geschraubt wurde, sollte nicht vergessen werden.

    Da war auch sicher viel Wohlstand auf Kosten der kommenden Generationen dabei.

    Eine Bemerkung kann ich mir dabei nie verkneifen, nämlich die Definition vor Armut: „Wer weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens hat, gilt als arm.“ Somit gibt es nur in zwei Fällen keine Armut mehr (1) jeder hat gleich viel oder (2) jeder hat gleich wenig (eher wahrscheinlich).

    • heffenberg Says:

      Au weia.
      Du solltest Dir die mathematische Seite Deiner unverkniffenen Bemerkung noch mal ansehen.

    • Wolfgang Says:

      Ich stell mich mal als zweiter Zeuge dazu. Mathematisch gesehen ist es ein Nachweis dafür, dass man mathematisch noch Nachholbedarf hat.

  3. http://blackbirds.tv – Berlin fletscht seine Szene » 130/10: Zeitzeugen: Früher war alles anders…wann ging die gute, alte Zeit kaputt? (Strassenmusik) Says:

    […] So ist das nämlich. Die schleichende Professionalisierung ganzer Berufsgruppen der “darstellenden Künste” geht dem Schauspieler auf die Nerven. Früher gehörte Mut dazu und eine Art moderne Wegelagerei. Heute macht Strassenmusik einfach nur Spass, jedenfalls den Musikanten selbst, aber wenn sich kleine Menschengrüppchen bilden am “boulevard of broken dreams”, versagt einem das Geschäftsmässige professioneller Strassenmusiker die Lebensfreude? Oder wird am Ende, wer älter wird, auch dünnhäutiger? Allerdings gibt es jetzt hier schon eine Art Vorabantwort auf die einleitende Frage von Harald Effenberg, wann die gute alte Zeit verstarb? Sie verstarb, sagt er, aus folgendem Grund: Genau genommen war die gute Zeit vorbei, als Peter Gabriel sich von Genesis getrennt hat.” (Quelle: hier) […]

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