Grapatin


Wer in den letzten 40 Jahren in Berlin Lichterfelde-Ost wohnte, kannte Georg Grapatin. Vielleicht nicht seinen Namen, aber seine einzigartigen Currywürste. Königsberger Straße, Nähe Jungfernstieg, direkt an der Bushaltestelle.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten olfaktorischen Kontakt mit dieser Delikatesse. Es muss etwa 1971 gewesen sein, nachmittags im Biologieraum traf sich die Foto-AG und irgendwann bekundete einer der „Großen“, er habe Hunger, und jemand solle Currywürste holen. Durch die Gnade von wem auch immer (welcher Heilige ist eigentlich für Junkfood zuständig?) hatte ich etwas Geld dabei (damals kostete eine Currywurst AFAIR 80 oder 90 Pfennige) und ließ mir eine mitbringen (den Gedanken, in der Schule Currywurst zu essen, fand ich ketzerisch und unglaublich aufregend).

Ds Buch "Die Entdeckung der Currywurst" von Uwe Timm

Und an diesem Nachmittag, als mein Magen in den Kniekehlen hing und ich wahrscheinlich völlig unterzuckert war, öffnete sich plötzlich die Tür des Biologieraumes und Raum und Zeit dehnten sich aus, während ein nie gekannter Duft sich ausbreitete und alles erfüllte und eine geradezu atemberaubende Intensität annahm als das Einwickelpapier entfernt wurde und sie schließlich vor mir lag in ihrem Pappteller: Die Currywurst an sich. Wenn Castaneda von „Die Welt anhalten“ sprach, muss er einen unendlich gedehnten Augenblick wie diesen im Sinn gehabt haben. Platon hätte sein Werk umgeschrieben, wäre er damals bei uns gewesen, denn es war doch möglich: Man konnte in diesem magischen Moment aus der Höhle hinaustreten ins Licht und die ideale Currywurst (ohne Darm) essen, statt sich mit ihrem Schatten zu begnügen.

Fortan war ich süchtig: Jeden Samstag ließ ich mir vor der Schule das Taschengeld auszahlen, um dann nach der Schule sofort zur Currybude zu flitzen und mir mindestens eine (meistens aber zwei, mit Kartoffelsalat und einer kleinen Faßbrause dazu, auch wenn das Taschengeld dann fast alle war)  der appetitlich gebräunten Würste auftischen zu lassen und sie genüßlich in den süßen, ölig aussehenden Ketchup zu tauchen (erst viele Jahre später entdeckte ich im Supermarkt den sehr ähnlichen Hela-Currygewürzketchup).
Anschließend wurde das restliche Taschengeld auf dem Kranoldmarkt in gebrauchten Science-Fiction-Romanen angelegt, aber das ist eine andere Geschichte und sie soll ein anderes Mal erzählt werden.

Wann immer ich in den letzten Jahrzehnten ins Umfeld von Lichterfelde-Ost kam, habe ich mir dieses Geschmackserlebnis gegönnt. Bei Diskussionen über „Amtsgericht“ und „Curry 36“ konnte ich nur müde lächeln: Ich wusste ja, wo es die beste Currywurst gibt. Grapatin hatte nie das Zeug zum Szene-Treff: Die Bude schloss jeden Abend um 19:00 Uhr und machte Sonntags gar nicht erst auf. Den Nicht-Lichterfeldern blieb dieses Kleinod deshalb verborgen.

Vor zwei oder drei Jahren nun verschwand der Imbiss des Herrn Grapatin (logo: sonst wäre er ja nicht in diesem Blog aufgetaucht). An der gleichen Stelle gibt es eine andere Currywurstbude mit anderen Würsten, anderem Ketchup und keiner Erinnerung an den kulinarischen Vulkan, der hier im Verborgenen blühte.

Georg Grapatin, der stets freundliche Ruhe und Seriosität ausstrahlte und in seinem weißen Kittel mehr wie ein Apotheker als wie ein Imbissverkäufer wirkte, starb am 18.02.2008.

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14 Antworten to “Grapatin”

  1. Christine Neumann Says:

    Als Nichte bin ich total begeistert und gerührt von Ihrem Bericht!
    Als mein Bruder und ich 1967 nach Borkum ins Ferienheim verschickt wurden, bekamen wir von Onkel Georg als „Wegverzehrung“ in einer Pommestüte (die gibt es heute wohl nicht mehr in dieser Form) verpackt ganz viel Süßigkeiten. Das tröstete uns ein wenig, denn wir waren das erste Mal für 6 Wochen von unserem Zuhause weg.
    Später als „Teenie“ durfte ich bei Onkel Georg mein Taschengeld aufbessern und unter seinen Fittichen das Handwerk einer Imbissverkäuferin kennenlernen (das Abwaschen der Teller war nicht so prickelnd und das Wasser so heiß). Ich habe gelernt wie man die Zwiebeln für die Schaschliks schneidet und die Spieße fertigt, die Curry mit Darm vorbereitet, wie lange alles in der Friteuse bleiben muß…usw….
    Auch meine Geschmacks- und Geruchsnerven behalten all diese Köstlichkeiten in unvergesslicher Erinnerung (zwischendurch durfte ich selbstverständlich auch für mein leibliches Wohl sorgen; die reinste Selbstbedienung im Schlaraffenland!)

    Aber all das reicht ja nicht. Wir hatten ja auch soviel Spaß miteinander.

    Onkel Georg war einfach ein wunderbarer Mensch mit all seiner Güte und Geduld. Selbst als er so krank war und zuletzt nicht mehr sprechen konnte, sprach er mir und meinem Mann mit Blickkontakt noch Mut zu. Bewundernswert!
    Ich bin sehr traurig, dass er nicht mehr bei uns ist und vermisse ihn sehr!!!

    Christine

  2. Edeltraud Schmidt Says:

    Es ist Sonntag, 15..Februar 2009, 23.38 Uhr, ich sitze am PC und weine,
    ich weine um meinen Fraun Georg und seine unvergessliche Currywurst.
    Georg Grapatin hat Spuren in meinem Leben hinterlassen, fröhliche. besinnliche, schmackhafte und sehr traurige. Ich hätte mir noch viele, viele der geannten Momente mit ihm gewünscht aber ich bin dankbar für die Zeit die ich mit ihm seiner Familie hatte und noch haben werde. Georg werde ich irgendwann wiedersehen und ich hoffe er hat dann wieder eine ‚Currybude‘ eröffnet.

    Edeltraud

  3. Tim B. Says:

    Ich weiß gar nicht wie ich anfangen soll. Zuerst muss ich mich als großen Currywurstliebhaber (und vermutlich auch Kenner) outen.
    Die Gefühle, die von „Heffenberg“ im Zusammenhang mit der Currywurst von Georg Grapatin beschrieben wurden, kann ich nur bestätigen. Dem ist nichts mehr hinzufügen.
    Seit meiner frühsten Kindheit habe ich regelmäßig Currywürste bei Georg Grapatin gegessen. Ich bin immer mit meinem Vater zu der Bude gegangen. Man kann sagen, dass es schon ein richtiges Ritual war. Vor meiner Zeit ist mein Vater, ebenfalls seit seiner frühsten Kindheit mit seinen Eltern regelmäßig zu Georg Grapatin gegangen. Anfangs waren wir regelmäßig samstags dort, nachdem wir auf dem Kranold-Markt waren. Später war sie (leider) auch an diesem Tag geschlossen glaube ich. Ich habe regelmäßig 6 Currywürste und 2 große Fassbrausen zu mir genommen. Mein Rekord lag bei 8 Würsten, wobei ich bei den ersten beiden Würsten meistens noch Pommes dazu hatte, die auch immer sehr lecker geschmeckt haben. Ich konnte von den Würsten einfach nicht genug bekommen. Ich habe auch ab und zu mal eine Curryboulette gegessen, aber nichts kam an Wurst ohne Darm heran. Ich weiß nicht ob es an den Würsten lag, aber auch die Fassbrause schmeckte mir dort besser als jede andere. Auch seine Currywurst auf einem Teller serviert zu bekommen, hatte irgendwie etwas Besonderes und einen gewissen Stil. Ich habe immer an dem Stand gegessen, denn dort habe ich mich wegen der Sauberkeit und des einzigartigen Ambientes immer wohl gefühlt.
    Natürlich muss ich auch den Ketchup erwähnen. Der war einfach einzigartig. Ich glaube jede andere Currywurstbude hätte mit ihren schlechten Würsten, die meistens schon vor oder fertig gegart in altem Öl herumbrutzeln, mit dem Ketchup von Georg Grapatin auch erfolgreich sein können. Ich kenne den Gewürzketchup von Hela und habe immer mindestens eine Flasche davon zu Hause. Ich benutze fast ausschließlich diesen Ketchup, aber ich würde sagen, dass dieser vielleicht ähnlich ist, sich aber doch schon allein von der zähen Konsistenz und auch geschmacklich unterscheidet. Bisher war mir ein Zusammenhang gar nicht bewusst gewesen.
    Ich kann mich noch erinnern, dass wir zu zweit teilweise bis zu 33 D-Mark für Currywürste und Getränke ausgegeben haben. Wobei ich sagen muss, dass es jeden Pfennig wert war.
    Auch wenn ich nie mehr als einmal die Woche dort war, verbinde ich mit dieser Wurst einen Teil meiner Kindheit und meines erwachsen werdens. Auch wenn ich jetzt mal eine Zeit lang nicht an diese Currywürste von Georg Grapatin denke, so werde ich spätestens wieder daran erinnert, wenn ich mich (sehr selten) dazu hinreißen lasse eine Currywurst an einer anderen Bude zu essen. Es ist dann wie ein Fluch, da mir seitdem sonst nirgends mehr eine Currywurst geschmeckt hat. Erst gestern bin ich mit meiner Freundin zu einer Bude gegangen, die sie gut findet. Wir haben 1 Currywurst (scharf mit Chilikörnern) mit Pommes genommen. Zum Glück hatten wir nicht mehr bestellt und etwas Hunger hatte ich auch noch, ansonsten hätte ich den Fraß nur schwer runtergekommen. Abgesehen davon, dass die Bude und der Betreiber ziemlich schmuddelig wirkten, waren die Pommes teilweise noch oder schon wieder pappig und die Wurst – kein Kommentar. Der Ketchup war außerhalb jeden Maßstabes, der ihn beschreiben könnte. Das war dann vermutlich erst mal wieder die letzte Wurst für Monate, vielleicht sogar Jahre.
    Eine gute Sache hat diese ekelhafte Erfahrung aber. Diese hat mich veranlasst heute nach Georg Grapatin im Internet zu recherchieren. Dabei bin ich dann auf dieses Forum gestoßen, welches trotz der wenigen schönen Beträge Georg Grapatin nicht gerecht wird. Ich habe noch deutlich die Currywurstbude vor Augen, vor welcher immer viele Leute standen und aßen oder darauf warteten ihre Bestellung abzugeben. Ich würde mich jedenfalls freuen hier noch viele weitere Beiträge zu lesen, damit man sieht, dass es sich bei unserer Meinung nicht um Einzelfälle handelt.

    Auf jeden Fall bin ich froh, dass es dieses (noch sehr kleine) Forum gibt und ich jetzt weiß warum der Betreiber gewechselt hat. An dieser Stelle mein tiefes und aufrichtiges Beileid an die Angehörigen.
    Der Wechsel war mir schon vor einiger Zeit aufgefallen, als ich einmal zufällig vorbei fuhr. Im ersten Moment war ich sehr traurig und habe gedacht „eine Ära geht vorbei“, vielleicht hab ich es auch laut gesagt. Sehr gern wäre ich auch mit meinen Kindern noch zu Georg Grapatin gegangen.
    Dann wurde ich auch etwas sauer und dachte er hätte sich jetzt zur Ruhe gesetzt, nachdem sich die Öffnungszeiten in den letzten Jahren immer mehr reduziert hatten. Auch die sehr lange Sommerpause war immer eine harte Zeit für mich.
    Jetzt schäme ich mich für diesen Gedanken. Auch wäre der Ruhestand nach so vielen Jahren in jedem Fall gerechtfertigt gewesen.
    Obwohl ich mit Georg Grapatin nie viele Worte gewechselt habe, hatte man von seiner Erscheinung her immer den Eindruck, dass er ein sehr freundlicher und ruhiger Mensch sein musste. Das lesen der 3 ersten Beiträge hat mich sehr traurig gestimmt und ich musste mir wirklich eine Träne verdrücken.
    Auch wenn ich seit 2002 nur noch ungefähr 3 mal dort war (was ich jetzt sehr bereue), kam nach dem Wechsel irgendwie eine Art Verzweiflung und Hilflosigkeit in mir hoch, da ich nun wusste ich könnte nie wieder eine Currywurst dort essen. Ich war nur noch so selten da, weil ich zu diesem Zeitpunkt aus Stegitz/ Lichterfelde weggezogen bin und weil mein Vater plötzlich starb und es ohne ihn auch nicht mehr dasselbe war. Das letzte Mal war ich vor 4 oder 5 Jahren dort. Vor kurzem bin ich wieder in die Gegend zurückgezogen. Vor allem jetzt, aber auch schon seit dem Wechsel habe ich immer wieder überlegt dort eine Currywurst zu probieren, in der Hoffnung, dass sie noch so ist wie früher. Aber das scheint ja leider nicht so zu sein.

    Tim

  4. Georg Grapatin Says:

    ach du schande ohne witz ich heiße zufälliger weise acuh georg grapatin aber bin noch schüler xD
    vllt komme ich nach berlin und mache ein currywurststand auf

    • Tim B. Says:

      Ziemlich geschmack- und pietätlos. Wäre schön wenn der Beitrag gelöscht wird.

    • Marcus M. Says:

      Gratulation Georg! Ebenso viele Fehler wie Worte in deinem Beitrag. Dies spricht weniger für dich als mehr für die Generation, der du offensichtlich angehörst. Mögen die warmen Worte der restlichen Beiträge Hilfe und Anreiz für einen Lebensweg sein, auf den sich stolz zurückblicken lässt.

  5. Anita Grapatin Says:

    Herrn Effenberg danke ich sehr für die Aufnahme in sein „Kaputte-Welt“-Forum. Über die Beiträge habe ich mich sehr gefreut.
    Nach einem 40jährigen Imbißleben gibt es viel zu erzählen; Anekdoten und Geschichten, die man hier nicht alle niederschreiben kann, werden oft im Familien- und Freundeskreis erzählt. Beispielsweise kannte mein Mann die Kunden fast nie per Namen, sondern beschrieb sie nach dem, was sie aßen. Nach dem Motto: „Na du weißt doch, der Sonnabends immer kommt mit den zwei Ohne Pommes!“ Am Beginn unserer „Karriere“ (wir waren sehr jung und äußerst unerfahren) besuchte uns meine Schwiegermutter aus Neckarsulm. Sie verbrachte 3 Wochen im Keller zum Kartoffelschälen für die damals selbstgemachten Pommes; von Berlin sah sie gar nichts. Meine Eltern verbrachten oft ihre Feierabende bei uns zum Abwaschen und sauber machen. Später wurden wir routinierter und hatten treue Mitarbeiter.
    Unsere Besucher waren leicht zufrieden zu stellen, denn sie wollten immer nur was aus dem Laden essen. Auch wir Familienmitglieder würden gerne mal wieder unsere Lieblingswurst verspeisen…
    Nach dem 40jährigen Geschäftsjubiläum am 9.3.2005 haben wir unser Geschäft an die Firma Schmidt verkauft. In den vielen Jahren hat mein Mann nicht einen Tag gefehlt. Wir freuten uns auf den Ruhestand.
    Leider konnte er ihn nicht lange genießen. Mein Mann starb am 18. Februar 2008 an der Nervenkrankheit ALS.
    Mit freundlichen Grüßen
    Anita Grapatin

  6. Michael Jülich Says:

    Kann ich nur bestätigen es war die beste Currywurst Berlins,habe dort seit 1971 fast jede Woche 2 mit Darm gegessen .Die haben süchtig gemacht, da kommt Konoppke und Curry 36 gar nicht ran.
    In Memorium Alpine-Micha.

  7. Cristian Grapatin Says:

    Sehr schöner Artikel . Toll geschrieben. Leider sterben solche Imbisse immer mehr aus.

  8. Oliver M. Jaenisch Says:

    Nachdem ich 15 Jahre ausserhalb von Berlin gelebt habe, bin ich 2008 nach Berlin zurückgekehrt und komme nun jeden Tag – einmal morgens, einmal abends – auf dem Weg zur Arbeit und zurück an Georg Grapatin’s altem Imbiss in der Königsberger Strasse vorbei.

    Wäre es noch immer unter der alten Bewirtschaftung, ich denke, ich würde jeden Abend auf dem Nachhauseweg dort anhalten.

    Currywurst mit Darm, Filetspiess, Pommes Frites und eine Fassbrause!

    So hat es meine Mama damals für mich bestellt, als ich Mitte der 70er dort meine erste Currywurst gegessen habe. Und so habe ich es immer wieder bestellt. Für diese Bestellung bin ich mit knurrendem Magen quer durch die Stadt an unzähligen Currywurstbuden vorbei durch Berlin gefahren.

    Selbst zu den Zeiten, wo ich nicht mehr in Berlin gewohnt habe, war es fast schon eine Pflicht, als erstes dort eine Currywurst zu essen. Direkt von der Autobahn kommend und während der ganzen Fahrt immer die Uhr im Blick, um noch rechtzeitig in der Königsberger Strasse anzukommen, bevor geschlossen wird.

    Irgendwann kam der Tag, da hatte sich der Imbiss verändert.
    Ich kam abends nach Berlin und fuhr den Umweg nach Lichterfelde.

    Aber alles war anders!
    Nichts schmeckte, wie ich es kannte. Es war furchtbar! Und es war das letzte Mal, dass ich an der Königsberger Strasse wegen einer Currywurst angehalten habe.

    Insgeheim hatte ich ja noch gehofft, dass der neue Betreiber nicht nur den Standort, sondern auch das Erfolgsrezept übernommen hat. Aber stattdessen gab es eine Currywust, wie es sie an hunderten anderen Buden in Berlin auch gibt.

    Wieder war ein Stück Kindheitserinnerung verschwunden!
    Keine der hochgelobten, in den Reiseführern gelobpreisten Currywürste in der Stadt schmeckte mir. Immer wieder kam mit jedem Bissen die Sehnsucht nach Grapatin’s Currywurst in mir hoch.

    Durch Zufall entdeckte ich das schon von anderen hier erwähnte Hela Curry-Gewürz-Ketchup. Es kommt tatsächlich zu 95% an das Geschmackserlebnis bei Grapatin ran.

    Zwar führt mich die Verursuchung noch immer dann und wann an eine Berliner Currywurstbude. Aber jedesmal, wenn ich der Versuchung nachgegeben habe, bereue ich es.

    Die Würste sind häufig ja noch in Ordnung. Aber die „Tunke“ ist in jedem Fall in einer anderen Liga, in einer deutlich niedrigeren Liga als das, was Georg Grapatin seinen Kunden angeboten hat.

    Warum ist die Konsistenz bei den meisten Imbissbuden so stückig und nicht ölig? Warum siehr das wie pürierte Tomaten aus? Warum schmeckt das nicht herzhaft, sondern aufdringlich süsslich? Warum schmeckt das so süsslich wie pures Tomatenmark? Warum stehen Touristen nachts um 02:00 Uhr zuweilen eine halbe Stunde auf der Strasse, um eine 08/15-Currywurst zu essen?

    Vielleicht, weil sie nie die Chance hatten, eine Currywurst bei Georg Grapatin zu essen!

    Der Imbiss an der Königsberger Strasse, Georg Grapatin in seinem weissen Kittel, die Currywurst, der Filetspiess, die Pommes Frites, die unglaubliche Sauce und die Fassbrause, die dort so ganz anders schmeckte: Ich kriege sie nicht aus dem Kopf! Ich kriege sie nicht von der Zunge!

    Diese Geschmackserlebnisse werden bleiben.

    Trotzdem würde ich sonstwas dafür geben, wenn ich abends in der Königsberger Strasse anhalten könnte und Georg Grapatin hinter dem Tresen stehen würde.

    • Peter Says:

      Tja. Das ist nun das erste mal, dass ich mich in diesem forum äußere. Es fällt mir ein wenig schwer!
      Mein Vater ist nun einige Jahre tot. Und ich bin immer wieder sehr glücklich darüber, dass es Menschen gibt, die das, was er mit seiner Arbeit geschafft hat, zu würdigen wissen.

      Oliver M. Jaenisch: Ihr Beitrag hat mich sehr berührt…
      Bitte schreiben sie etwas, damit wir persönlich in Kontakt treten.

      Peter Grapatin

  9. Pohl Andrea Says:

    Hallo Peter, vielleicht kannst du dich noch erinnern- wir waren in der Grundschule in einer Klasse. Ich hieß damals Andrea Schmidt. Die Pommes- Bude deiner Eltern ist einfach eine Legende und sogar meine Kinder haben sie noch kennen und lieben gelernt. Ich glaube wir haben nie wieder so leckere Currywürste mit weltbestem Ketchup und Schaschlikspießen gegessen. Und dann diese Brötchen dazu und zum Schluß wurde alles erstmal in Zeitungspapier und dann in das rosafarbene Papier gewickelt. Ich habe nur beste Erinnerungen daran -auch weil es etwas besonderes war mal dort zu essen. Dein Papa war mit seiner ruhigen Art immer eine sehr angenehme Person und deine Mama wuselte immer im Hintergrund. Heute fahre ich immer mit den besten Erinnerungen daran vorbei- auch wenn ich schon eine Weile kein Fleisch mehr esse auf die Pommes hätte ich schon Lust.
    Schade das deine Eltern für ihren gemeinsamen wohlverdienten Ruhestand nicht mehr viel Zeit hatten. Ich werde dieses schöne Bild deiner Eltern immer vor Augen haben und wünsche dir und deiner Familie alles Gute und sage Danke.

  10. Carsten Says:

    Jetzt muss ich mich doch auch zu Wort melden. Ich bin in 1967 in Berlin geboren und wurde kurz darauf in die Schweiz exportiert, wo ich seit nunmehr 47 Jahren lebe. Teile meiner Familie lebten und leben in Berlin und bei Potsdam. Meine Oma wohnte bis zu ihrem Tod an der Morgensternstrasse 1, also um die Ecke zu Grapatins Currywurstbude. Seit ich denken kann besuchten wir zwei oder mehrmals jährlich Berlin, die erste Anlaufstelle war stets meine Oma und das erste, was wir assen, waren ritualmässig Grapatins Currywürste mit Pommes. Ein Traum, die Schilderungen der bisherigen Beiträge reichen kaum an die wahren Qualitäten heran. Unvergessen. Der „Smelltrack“ meiner Jugend.

    Seit der überaus bedauernswerten Geschäftsübergabe und dem traurigen, viel zu frühen Tod Grapatins rechechiere ich wirklich systematisch und flächendeckend in Berlin nach vergleichbaren Currywürsten – bis heute, jüngst vergangene Woche (Bsp. Curry 36, ein Witz, indiskutabel). Nichts, null, aber auch nicht mal im Ansatz Vergleichbares zu Grapatin ist zu finden. Spektakulär. Alle gennannten Adressen sind nicht einmal ein Schatten dessen, was Grapatin in seiner distinguierten, freundlichen, ruhigen, unaufgeregten Art seinen Gästen angeboten hat. So appetitlich, aufgeräumt, konzertiert und … einfach perfekt. Ohne Patetik im Klartext: Grapatin hat die mit riesen, riesen Abstand (im Sinne von ohne ansatzweisen Vergleich) besten Currywürste, Pommes und Fassbrausen ever ever ever ever angeboten … und das wird (wie es aussieht) auch leider so bleiben. Hela … stimmt, trotzdem auch nur ein vages Zitat, ein Hauch der Erinnerung. Die Gesamtperformance von Bedienung, Pommes, Brause, Zeitungspapier, Bus-Diesel und einfach alles … bleiben unvergessen. Ich ziehe den Hut.

    Auch wenn es etwas spät ist: mein ganze herzliches Beileid der Familie – und meine uneingeschränkte Hochachtung vor dem, was Grapatin über Jahrzehnte dort in dieser kleinen, unscheinbaren Bude veranstaltet hat … er hat vielleicht mehr in den Köpfen und Herzen vieler seiner Kunden und Kundinnen hinterlassen, als er selber je geahnt hat …

  11. Karin Sahnwaldt Says:

    Heute ist das Schmidt’s Imbiss .Auch ein alter Lichterfelder.Stand (oder steht) Mittwochs und Samstags auf dem Kranold Markt.

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